Willkommen RCS-e aka Joyn, Tschüß Netzneutralität

Ein interessantes Schauspiel, welches sich einem gestern bot. Viele Berichte, unglückliche Verkettungen und ein leichter Imageschaden durch Fehlinformationen für die Telekom, so könnte man das Spektakel zusammen fassen. Denn wann immer über Festnetz- oder Mobilfunknetze, Zugangsanbieter oder ähnliches gesprochen wird, vergessen 90% der News-Seiten Besucher ohnehin, dass es noch andere Unternehmen auf dem Markt gibt. Wird der beliebte Sündenbock dann aber auch noch namentlich erwähnt, kommen Flamer wie Trolle voll auf ihre Kosten.

Aber der Reihe nach: im Februar hatte die Telekom in ihrem Blog einen neuen Mobilfunkdienst vorgestellt. RCS-e (Rich Communication Suite-enhanced) war der erste, griffige Name, den sich kein Konsument freiwillig gemerkt hätte. Daher wurde er kurz später in Joyn umgetauft.

Es handelt sich dabei aber keineswegs um eine Idee der Telekom, initiiert wurde die Entwicklung des Industriestandards von Nokia und wird seitdem von der GSMA weiterentwickelt. Eingeführt werden soll er im Laufe dieses Jahres von allen großen Anbietern Deutschlands.

Der Dienst stellt die nächste Evolutionsstufe der betagten Dienste SMS und MMS dar, und soll den Mobilfunkanbietern im Kampf gegen kostenlose Messenger wie WhatsApp und Skype helfen. Meiner Meinung nach erstmal ein sinnloses Unterfangen, denn die Messenger haben einen Vorsprung von mehreren Jahren und eine feste Nutzerbasis, die für gewöhnlich kaum bis gar nicht bereit ist, sich etwas neuem zuzuwenden. Hinzu kommt, dass die Netzbetreiber in der Vergangenheit nie kostenlose Dienste geboten haben, sondern immer Kosten in Form von Einzelabrechnung bis hin zu Flatrate aufkamen. Warum sollte das diesmal anders sein.

Tja, und so kam es dann gestern, dass teltarif.de über eine mögliche Preisgestaltung der Telekom für Joyn berichtete. Kosten soll der Dienst, Nachrichten sogar mehr als die bisherige SMS. Die Gemüter kochten hoch, viele Seiten (u.a. caschy) berichteten prompt darüber und entfachten dadurch hitzige Diskussionen. Die Telekom veröffentlichte kurz darauf eine Klarstellung im Blog, um die Situation etwas zu besänftigen, denn Kosten fallen nur in den Sprachtarifen an, nicht aber in den Tarifen mit Internet-Flatrate. Und darüber hinaus soll der Traffic, der durch Joyn verursacht wird, nicht mit dem normalen Kontingent verrechnet werden. Und das ist der erste echte Vorteil dieses Dienstes!

Allerdings bekam die ganze Nummer noch einen fahlen Beigeschmack, denn während dieses ganzen Tumults veröffentlichte heise.de einen Bericht über einen erneuten Vorstoß der Netzbetreiber zur Unterminierung der Nezneutralität. Mal wieder geht es darum, statt der Erschließung neuer Geschäftsfelder lieber die bereits erfolgreichen Firmen zur Kasse zu bitten: Youtube, Skype, etc… jeder der viel Bandbreite beansprucht, soll nach Vorstellung der Netzbetreiber auch Geld an sie zahlen. Das Ergebnis wäre fatal, denn kostenlose Dienste würden dadurch deutlich rarer werden.

Alternativ oder noch lieber ergänzend bringt man auch erneut die Priorisierung von Diensten ins Gespräch. VoIP und IPTV dürften schon heute in den Genuss solcher QOS Maßnahmen kommen, um die Qualität der Netzbetreiber-eigenen Dienste auch zu Stoßzeiten garantieren zu können. Aber es gebe doch noch so viel mehr Möglichkeiten, den Endkunden zur Kasse zu bitten. Alles was hohe Geschwindigkeiten oder möglichst geringe Verzögerungen voraussetzt, bietet sich dafür an. Streaming-Angebote wie Spotify oder auch Youtube wären davon ebenso betroffen wie nahezu alle Online-Spiele. Bei der Synchronisation mit Cloud-Diensten ist die Geschwindigkeit ja auch nicht ganz uninteressant, und so lassen sich noch viele weitere denkbare Möglichkeiten finden.

Aber ein Dienst wie Joyn könnte unter solchen Umständen natürlich richtig Punkten, denn selbst wenn eine Mobilfunkzelle komplett dicht und lahm ist, könnten seine Pakete nach wie vor schnell ans Ziel gelangen. Obwohl… bei Joyn wird garantiert ohnehin wie schon bei VoIP eine Ausnahme gemacht werden… einige Datenströme werden halt immer gleicher sein als andere, doch wo kein Kläger, da ist auch kein Richter.

Gleichzeitig könnte man übrigens konkurrierende Dienste mit einer besonder schlechten Priorisierung abstrafen, damit sich die Kunden genervt von diesem abwenden. Alles nur Spekulation mit einer kleinen Priese Science-Fiction, ich will den Netzbetreibern schließlich nichts unterstellen 😉

  1. Bisher keine Kommentare
  1. Bisher keine Trackbacks